Über tiefe Wunden zu schreiben, ist oft der erste Schritt, ihnen die Macht zu nehmen. Viele Menschen da draußen fühlen genau das Gleiche, trauen sich aber nicht, es auszusprechen – besonders in unserer Generation, wo man gelernt hat, „zu funktionieren“. Hör dir meine Gefühl in meinen Songs an… Den Player findest du weiter unten im Text.
Ich bin 60 Jahre alt. Ein Alter, von dem man annimmt, dass man „angekommen“ ist. Dass man weiß, wie das Leben läuft. Dass man in sich ruht.
Aber wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich dort oft nicht den erwachsenen Mann. Ich sehe ein Kind. Ein Kind, das verletzt wurde, das verzweifelt versucht, gesehen zu werden. Ein Kind, das wartet. Worauf? Auf ein Lob, das niemals kam. Auf eine Anerkennung, die längst unter der Erde begraben liegt.
Mein Leben lang kämpfe ich gegen einen Geist.
„Du bist ein Versager.“
Dieser Satz war der Soundtrack meiner Kindheit. Für meinen Vater war ich nie gut genug. Egal, was ich tat, egal, wie sehr ich mich anstrengte – die Messlatte lag immer genau einen Zentimeter höher, als ich springen konnte.
Wenn ein Kind hört, dass es nichts kann, dann denkt es nicht: „Mein Vater irrt sich.“ Es denkt: „Ich bin falsch.“
Und so habe ich eine Überlebensstrategie entwickelt, die mich bis heute im Griff hat: den Perfektionismus. Ich dachte: Wenn ich nur alles perfekt mache, wenn ich keine Fehler mache, wenn ich der Beste bin… dann wird er mich lieben. Dann bin ich sicher.
Der Preis des Perfektionismus
Ich bin 60 Jahre gerannt. Ich bin in einem Hamsterrad gelaufen, das von der Angst angetrieben wurde, nicht zu genügen. Aber Perfektionismus ist kein Streben nach Exzellenz. Es ist ein Schutzschild. Es ist der Versuch, unverwundbar zu sein.
Aber der Preis war hoch.
Seit Jahren lebe ich mit COPD, Fibromyalgie, Diabetes und anderen „unheilbaren“ chronischen Krankheiten. Wenn die Seele keinen Mund hat, um zu schreien, dann übernimmt der Körper das. Ich glaube heute fest daran, dass meine Schmerzen auch die gespeicherten Tränen dieses kleinen Jungen sind. Mein Körper hat die ständige Anspannung, dieses ewige „Hab-Acht-Stellung“, einfach nicht mehr ausgehalten. Er schreit durch den Schmerz: „Hör auf! Es reicht! Du musst niemandem mehr etwas beweisen!“

Wer bin ich, wenn ich nichts leiste?
Jetzt, mit 60, wo andere an den Ruhestand denken, stehe ich vor den größten Fragen meines Lebens.
Wer bin ich eigentlich?
Wenn ich die Leistung weglasse, wenn ich den Perfektionismus ablege, wenn ich aufhöre, dem Bild meines Vaters zu entsprechen – was bleibt dann übrig?
Welchen Sinn habe ich auf dieser Welt, außer zu funktionieren?
Diese Fragen tun weh. Sie reißen dir den Boden unter den Füßen weg. Aber sie sind notwendig. Ich befinde mich aktuell in einer tiefenpsychologischen Therapie, und das ist harte und tiefgehende Arbeit. Wir graben dort, wo es dunkel ist. Wir schauen uns das Kind an, das sich wertlos fühlt.

Ich habe mich so oft in meinem Leben einsam und alleine gefühlt. Irgendwann habe ich dann schmerzlich den Unterschied gelernt.
Man kann es auf eine kurze Formel bringen: „Alleine“ ist ein Zustand. „Einsam“ ist ein Gefühl.
In meiner Therapie und meinem Heilungsprozess passiert gerade etwas Wunderbares: Ich verwandele Einsamkeit langsam in positives Alleinsein.
Der Unterschied zwischen „einsam“ und „alleine“
Ich habe mich mein Leben lang oft schrecklich einsam gefühlt – selbst unter Menschen. Heute verstehe ich, warum.
Ich war einsam, weil ich die Verbindung zu mir selbst verloren hatte. Ich spielte eine Rolle, um zu gefallen, und das wahre Ich dahinter blieb ungesehen. Und wenn ich physisch alleine war, war es fast noch schlimmer: Dann war ich eingesperrt in einem Raum mit meinem inneren Kritiker. Mit der Stimme meines Vaters. Das ist keine gute Gesellschaft. Das ist pure Einsamkeit.
In der Therapie lerne ich gerade etwas Neues: Das heilsame Alleinsein.
Ich lerne, dass ich nicht einsam sein muss, wenn ich alleine bin. Denn wenn ich anfange, mich selbst zu mögen, wenn ich anfange, mir selbst der Vater oder die Mutter zu sein, die ich nie hatte – dann bin ich in bester Gesellschaft. Ich lerne, die Stille nicht mehr als Bedrohung zu sehen, sondern als Pause. Als einen Raum, in dem mein überreiztes Nervensystem und mein schmerzender Körper endlich aufatmen dürfen. Alleine zu sein bedeutet heute für mich: Ich bin frei von den Erwartungen anderer. Ich darf einfach nur sein.
Die sachliche Beschreibung dieses Beitrags
In diesem persönlichen Blogartikel reflektiert ein sechzigjähriger Autor über die lebenslangen Auswirkungen einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung und den damit verbundenen Perfektionismus. Er beschreibt eindringlich, wie der ständige Leistungsdruck seine psychische und körperliche Gesundheit beeinträchtigte und letztlich zu chronischen Krankheiten führte. Durch eine tiefenpsychologische Therapie lernt er nun, die schmerzhafte Einsamkeit in ein heilsames Alleinsein zu verwandeln und sich von fremden Erwartungen zu lösen. Der Text verdeutlicht, dass es nie zu spät ist, den eigenen Selbstwert unabhängig von Leistungen zu erkennen und sich den Wunden der Vergangenheit zu stellen. Ergänzt wird diese emotionale Aufarbeitung durch selbstkomponierte Musik, die dem Verfasser dabei hilft, seine Gefühle auszudrücken und anderen Betroffenen Mut zuzusprechen.
Ein schöner Satz dazu von dem Theologen Paul Tillich:
„Die Sprache hat das Wort ‚Einsamkeit‘ geschaffen, um den Schmerz auszudrücken, allein zu sein. Und sie hat das Wort ‚Alleinsein‘ geschaffen, um die Herrlichkeit auszudrücken, allein zu sein.“
Die späte Erkenntnis: Ich darf sein. Ich genüge.
Hör dir oben im Player meine Songs zu diesem Thema hier an! Ich liebe Musik. Erst recht, wenn ich meine Gefühle und Gedanken damit ausdrücken kann. Ich hoffe, das Zuhören gefällt dir so sehr, wie mir das Musikmachen Kraft gibt!
Warum schreibe ich das hier so offen? Als eine Art „Beichte“?
Weil ich weiß, dass ich nicht allein bin. Ich weiß, dass da draußen viele sind, die auch mit 50, 60 oder 70 Jahren noch immer versuchen, ihren Eltern zu gefallen – selbst wenn diese vielleicht schon seit Jahren gar nicht mehr leben.
Ich lerne gerade – mühsam, Schritt für Schritt –, dass mein Wert nichts mit meiner Leistung zu tun hat.
Dass ich kein Versager bin, nur weil ich Pausen brauche.
Dass meine Krankheiten mich nicht schwach machen, sondern mir zeigen, wie sensibel und empfindsam ich bin – eine Eigenschaft, die mein Vater als Schwäche sah, die aber eigentlich meine Stärke ist.
Ich suche noch nach meiner Aufgabe. Vielleicht ist meine Aufgabe im Moment einfach nur diese: Zu lernen, mich selbst in den Arm zu nehmen. Dem kleinen Kind in mir zu sagen: „Du bist gut genug. Du warst immer gut genug. Und ich bin jetzt da, um dich zu beschützen.“
Es ist nie zu spät, seine eigene Geschichte neu zu schreiben. Auch nicht mit 60. Der Schatten meines Vaters ist lang, aber ich trete jetzt langsam heraus ins Licht.
Geht es dir ähnlich? Hattest du ähnliche Erfahrungen? Konnte ich dir mit diesem Artikel ein wenig helfen?

